Kernthese
Der Jugendbericht 2022 beschreibt Offene Kinder- und Jugendarbeit als eigenständigen Freiraum. Der Bericht 2025 ordnet sie stärker in eine Planungs- und Förderlogik ein. Diese Entwicklung darf Vielfalt, kleinere Träger, selbstorganisierte Räume und niedrigschwellige Angebote nicht verdrängen.
Vom Freiraum zur Steuerungslogik
Die beiden Jugendberichte der Stadtgemeinde Bremen setzen deutlich unterschiedliche Schwerpunkte. Der Jugendbericht 2022 stellt die Offene Kinder- und Jugendarbeit und die Jugendverbandsarbeit in den Mittelpunkt. Er beschreibt sie als eigenständige Räume für Freiwilligkeit, Selbstbestimmung, Beteiligung, non-formale Bildung und soziale Erfahrung junger Menschen.
Der zweite Kinder- und Jugendbericht 2025 betrachtet die Offene Kinder- und Jugendarbeit deutlich stärker als Teil eines größeren Systems der Kinder- und Jugendhilfe. Der Blick verschiebt sich: weg von der fachlichen Eigenständigkeit der Offenen Kinder- und Jugendarbeit als eigenem Schwerpunkt, hin zu Jugendhilfeplanung, Bedarfsermittlung, Einrichtungsstandards, Planungsgebieten und Ressourcenzuordnung.
Diese Verschiebung ist nicht automatisch falsch. Gute Planung kann helfen, Bedarfe sichtbarer zu machen, soziale Ungleichheit besser zu berücksichtigen und Angebote verlässlicher auszustatten. Problematisch wird es aber dort, wo aus fachlicher Weiterentwicklung eine Standardisierungs- und Ressourcenumsteuerungslogik wird, die gewachsene Angebote, kleinere Träger, besondere Projekte und selbstorganisierte Räume unter Druck setzt.
Was 2022 im Mittelpunkt stand
Der Jugendbericht 2022 macht stark, dass Offene Kinder- und Jugendarbeit mehr ist als Freizeitbetreuung. Sie bietet jungen Menschen Räume außerhalb von Schule und Elternhaus, in denen sie sich ausprobieren, eigene Interessen entwickeln, Verantwortung übernehmen und Selbstwirksamkeit erfahren können. Der Bericht beschreibt diese Räume als wichtige Orte non-formaler und informeller Bildung.
Dabei geht es ausdrücklich um Offenheit, Freiwilligkeit und Beteiligung. Angebote der Kinder- und Jugendarbeit sollen nicht einfach fertige Programme sein, sondern an den Interessen und Lebenswelten junger Menschen anknüpfen. Junge Menschen sind nicht nur Zielgruppe, sondern Mitgestaltende.
Wichtig ist auch: Die Offene Kinder- und Jugendarbeit darf nicht auf Prävention, Problembearbeitung oder eine Vorstufe anderer Hilfesysteme reduziert werden. Ihr eigener Wert liegt darin, Freiräume zu eröffnen, Beziehungen zu ermöglichen und jungen Menschen Orte zur selbstbestimmten Entwicklung zu geben.
Was 2025 stärker in den Vordergrund rückt
Der Bericht 2025 erweitert den Blick auf viele Felder der Kinder- und Jugendhilfe. Er behandelt unter anderem soziale Lagen, das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz, Jugendsozialarbeit, Familienförderung, Hilfen zur Erziehung und Kinderschutz. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit bleibt Teil des Berichts, verliert aber ihre herausgehobene Stellung als eigenständiger Schwerpunkt.
Stärker in den Mittelpunkt rücken nun Steuerung, Planung und Finanzierung. Für die Offene Kinder- und Jugendarbeit werden insbesondere das Bedarfsermittlungsverfahren, die Einrichtungsstandards und neue Planungsprozesse als zentrale Entwicklungslinien beschrieben.
Damit verändert sich die Grundfrage: 2022 stand im Vordergrund, welche offenen, freiwilligen und selbstbestimmten Räume junge Menschen brauchen. 2025 steht stärker im Vordergrund, wie sich Angebote planerisch, rechnerisch und fördertechnisch ordnen lassen. Genau hier entsteht der Konflikt.
Das Problem liegt nicht in Standards - sondern in ihrer Wirkung
Einrichtungsstandards können sinnvoll sein. Sie können Verlässlichkeit schaffen, Personal absichern, Öffnungszeiten stabilisieren und Qualität nachvollziehbarer machen. Niemand stellt ernsthaft infrage, dass gute Offene Kinder- und Jugendarbeit auch gute Rahmenbedingungen braucht.
Aber Standards werden problematisch, wenn sie faktisch zu einem Auswahlfilter werden. Dann bleiben vor allem jene Angebote abgesichert, die gut in das neue Raster passen. Andere Angebote werden in Projektförderung verschoben, verlieren Planungssicherheit oder fallen ganz aus der Förderung heraus.
Das trifft besonders kleinere Träger, besondere Treffpunkte, selbstorganisierte Räume, Jugendkulturorte, Mädchenarbeit, Sport- und Bewegungsangebote sowie niedrigschwellige Projekte. Gerade solche Angebote sind oft besonders nah an den Lebenswelten junger Menschen.
Bedarfsermittlung darf Beteiligung nicht ersetzen
Sozialdaten und Bedarfsermittlung sind wichtig. Sie können zeigen, wo junge Menschen unter schwierigen Bedingungen aufwachsen und wo Angebote besonders gebraucht werden. Aber sie ersetzen keine Beteiligung, keine Ortskenntnis und keine fachliche Bewertung.
Der Bericht 2022 zeigt deutlich, dass junge Menschen konkrete Erwartungen an die Kinder- und Jugendarbeit haben: Räume zum Treffen, Sport- und Bewegungsflächen, Rückzugsmöglichkeiten, selbstbestimmte Aufenthaltsorte und echte Mitbestimmung.
Wenn Beteiligung ernst gemeint ist, darf sie nicht erst stattfinden, wenn die Grundrichtung bereits feststeht. Junge Menschen, Träger, Beiräte und Fachpraxis müssen Einfluss auf die tatsächliche Ausgestaltung der Angebotslandschaft haben. Beteiligung ist kein dekorativer Verfahrensschritt. Sie muss Entscheidungen verändern können.
Die eigentliche Gefahr
Die aktuelle Entwicklung kann zu mehr Klarheit und Verlässlichkeit führen. Sie kann aber auch das Gegenteil bewirken.
Die Gefahr besteht darin, dass die Offene Kinder- und Jugendarbeit künftig stärker danach bewertet wird, ob sie in eine Förderlogik passt, statt danach, ob sie für junge Menschen tatsächlich erreichbar, offen, niedrigschwellig und gestaltbar ist.
Genau deshalb muss die aktuelle Umsetzung der Einrichtungsstandards besonders sorgfältig geprüft werden. Entscheidend ist nicht, ob Angebote formal in ein neues Raster passen. Entscheidend ist, ob sie für junge Menschen tatsächlich erreichbar, offen, niedrigschwellig und verlässlich sind. Wenn bewährte Angebote aus der institutionellen Förderung herausfallen oder nur noch unsicher projektfinanziert werden, ist das keine reine Verwaltungsfrage. Dann verändert sich die Angebotslandschaft real.
Dann würde aus Qualitätsentwicklung faktisch Strukturabbau. Aus Planung würde Verdrängung. Aus Standards würden Ausschlusskriterien.
Das wäre ein Bruch mit dem fachlichen Kern des Jugendberichts 2022.
Was daraus folgen muss
Aus unserer Sicht braucht die Umsetzung der neuen Planungssystematik klare Sicherungen:
- Schutz der Angebotsvielfalt: Kleine Träger, besondere Projekte, selbstorganisierte Räume und niedrigschwellige Angebote dürfen nicht aus der Struktur gedrängt werden.
- Verlässlichkeit statt Projektunsicherheit: Wo Angebote dauerhaft gebraucht werden, darf Projektförderung nicht zur unsicheren Dauerlösung werden.
- Beteiligung vor Entscheidungen: Junge Menschen, Träger, Beiräte und Fachpraxis müssen Einfluss haben, bevor Strukturen festgelegt werden.
- Standards als Qualitätsaufbau: Einrichtungsstandards müssen zusätzliche Qualität schaffen - nicht als Begründung für Verdrängung dienen.
- Transparente Folgenabschätzung: Vor jeder Umstellung muss klar sein, welche Angebote gestärkt, geschwächt oder gefährdet werden.
Woran die Umsetzung zu messen ist
Wir messen die aktuelle Umsetzung an den eigenen Aussagen der Jugendberichte.
Wenn der Bericht 2022 Offene Kinder- und Jugendarbeit als Freiraum, Bildungsraum und Beteiligungsraum beschreibt, darf der Bericht 2025 nicht dazu benutzt werden, genau diese Räume zu schwächen. Wenn der Bericht 2025 Planung, Standards und Bedarfsermittlung stärken will, müssen diese Instrumente der Vielfalt dienen - nicht ihrer Verdrängung.
Unser Maßstab ist klar: Planung ja. Standards ja. Bedarfsermittlung ja. Aber nicht auf Kosten von Angebotsvielfalt, kleinen Trägern, selbstorganisierten Räumen, Projektangeboten und echter Beteiligung.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob die neue Förderlogik sauber aussieht. Die entscheidende Frage ist, ob junge Menschen in Bremen dadurch mehr verlässliche, offene und selbstbestimmte Räume bekommen.
Kurzfassung: Unser Punkt
Die Jugendberichte widersprechen sich nicht einfach. Aber sie zeigen eine deutliche Verschiebung: 2022 stand die Offene Kinder- und Jugendarbeit als eigenständiger Freiraum im Mittelpunkt. 2025 wird sie stärker Teil einer Planungs- und Förderlogik. Diese Entwicklung darf nicht dazu führen, dass Vielfalt, kleinere Träger, selbstorganisierte Räume und niedrigschwellige Angebote verdrängt werden. Planung muss die Offene Kinder- und Jugendarbeit stärken - nicht auf standardfähige Angebote reduzieren.
Quellenbasis
Jugendbericht Bremen 2022; 2. Kinder- und Jugendbericht Bremen 2025. Keine zitattreue Gegenüberstellung.